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  • Текст добавлен: 28 августа 2016, 01:40


Автор книги: Jeremias Gotthelf


Жанр: Зарубежная старинная литература, Зарубежная литература


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Jeremias Gotthelf
LEIDEN UND FREUDEN EINES SCHULMEISTERS

ERSTER TEIL

Zueignung

Nachdem im Januar 1837 zu Burgdorf der »Bauernspiegel« als Lebensgeschichte des Jeremias Gotthelf und 1838 ebenda unter demselben Namen die Beschreibung der Wassernot im Emmenthal vom August 1837 herausgekommen, suchte der Pfarrer von Lützelflüh bereits wieder einen Verleger, diesmal für einen »Gevatterbrief an das Publikum«, wie er, der selbst im Jahr 1837 zum drittenmal Vater geworden, die angeblich von dem Lehrer Peter Käser zu Gytiwyl geschriebenen »Leiden und Freuden eines Schulmeisters« anfänglich zubenannt hatte. »Lange«, so erzählt uns die ältere 1834 geborne Tochter, »wanderte das Manuskript von einem schweizerischen Verleger zum andern, da keiner es zu drucken wagte, der beißenden Bemerkungen wegen, die Bitzius sich darin gegen Autoritäten erlaubt hatte. Der Umschlag zerfiel in Fetzen und man mußte eine eigene Schachtel dafür machen lassen, um die einzelnen Bogen nicht zu verlieren.«Lebensabriß Gotthelfs in: Anhang der »Neuen wohlfeilen Ausgabe« des »Schulmeisters«; Berlin, Springer 1877, S. 20.

Aus dieser Pappschachtel, die von der andern Tochter sorglich gehütet wird, tritt nach 60 Jahren zum erstenmal der ganze »Schulmeister« ans Licht. Denn als sich endlich ein politisch radikaler Verleger, Wagner in Bern, zur Veröffentlichung des stacheligen Werkes herbeigelassen hatte und den 1. Band im Oktober 1838 herausgab, den zweiten auf Mitte Januars 1839 ankündigte, war der ursprüngliche Text beider Teile durch den Verfasser wohl um ein Siebentel gekürzt worden. Viele Stellen, die politisch oder moralisch anstößig und daher wohl auch buchhändlerisch bedenklich schienen, waren getilgt, ebenso manche Weitläufigkeiten beseitigt, die einen Teil der Leser ermüden oder abschrecken konnten. Die Zensur von Gotthelfs Gattin hatten diese Stellen unbeanstandet passiert, höchstens daß bei zwei oder drei allzu persönlichen Ausfällen die einsichtige Mitarbeiterin ein rotes Fragezeichen an den Rand setzte, dem der nachkorrigierende Verfasser durch kleine Änderungen Rechnung trug; erst für den Druck offenbar wurden diese und andere Stellen endgiltig durch oft seitenlange Striche weggeschafft.

Den ursprünglichen, aus sehr verschiedenen Gründen abgeänderten Text haben auch wir in der für das große Lesepublikum bestimmten Ausgabe selbst, gegenüber dem ausgesprochenen Willen Gotthelfs, nicht herstellen dürfen. Wohl aber geben die gleichzeitig erscheinenden, diesmal ausnahmsweise umfangreichen »Beiträge« des Ergänzungsbandes, mit dem Text der Ausgabe zusammengehalten (wozu wiederum der beigegebene Zeilenzähler dienen soll), den »Schulmeister« vollkommen in der Gestalt wie ihn Gotthelf im Jahr 1837 zuerst für den Druck in einem Zuge niederschrieb und wie er ihn – er war nicht der Mann vielfacher Wiedererwägung – damals hätte drucken lassen, hätte er nicht persönliche und geschäftliche Rücksichten tragen müssen, die für uns nicht mehr bestehen.

Für uns sind diese getilgten und jetzt wiedergewonnenen Teile des Werkes – von der ersten Stelle, I, Kap.1 (zu S.19 [28 29]), mit der Anspielung auf den Bauernspiegel, die der Verf. schon zur bessern Wahrung der Pseudonymität des neuen Werkes streichen mußte, bis zur letzten, II, Kap.83, mit der gutmütigen Ironie auf die Schützlinge des Verfassers, die Schulmeister, die bei höherer Besoldung nur längere Pfeifen anschaffen würden – für uns sind diese noch ungedruckten Abschnitte des »Schulmeisters« wertvolle Beiträge zum Bilde des Verfassers, dessen thatkräftige und schlagfertige Persönlichkeit uns daraus in neuer Frische und Unmittelbarkeit entgegentritt. Wir dürfen hoffen, daß die Verehrer unseres Schriftstellers für diesen Zuwachs, sowie für die reichliche Ausbeute, die die Originalhandschrift außerdem zur Geschichte des Textes und zur Kenntnis von Gotthelfs Sprache geliefert hat, der Familie von Rütte-Bitzius ebenso dankbar sein werden, wie wir selbst es sind.

Auch die Änderungen, bezw. Verhochdeutschungen, Neufassungen und gelegentlichen Verzimpferungen, der Ausgabe von 1848, die vom Verf. selbst herrühren und einerseits geradezu ein Wörterbuch ersetzen, anderseits für Gotthelfs sprachliche und ethische Persönlichkeit sehr bezeichnend sind, werden die Freunde des Schriftstellers mit Interesse kennen lernen. Wir haben von diesen Änderungen und von den bloß formellen Abweichungen die Plusstellcn der ursprünglichen Gestalt durch ein einfaches Mittel im Druck unterschieden und ferner die längern Varianten, zu denen diese Plusstellen meist gehören, durch neuen Absatz hervorgehoben.

Die Sacherklärungen beschränken sich wiederum auf das vorerst Erreichbare. Wir hoffen auf weitere Beiträge dazu aus dem Kreise der Leser Gotthelfs in Stadt und Land Bern und werden solche gelegentlich nachtragen.

Der 4. Band unserer Ausgabe, der die »Wassernot im Emmenthal«, die »Fünf Mädchen« und »Dursli« enthalten soll, wird von den HH.a.-Rektor Kronauer und a.-Schulinspektor Wyß unter Mithilfe des Unterzeichneten besorgt und soll noch in diesem Jahr nachfolgen, indem wir auch bereits mit »Uli« zu beginnen hoffen.

Bern, Mai 1898.

Ferdinand Vetter.

Hochverehrter Herr Direktor des bernerischen Schullehrer-Seminar!

Ein dankbarer Schulmeister möchte Ihnen eine Gabe bieten; sie ist groß, denn sie ist alles, was er zu geben vermag.

Sie sind der Bildner der werdenden Lehrer im Kanton Bern. Sie sind nicht nur die Quelle ihres Wissens, sondern auch der Lenker ihrer gemütlichen und sittlichen Kräfte.

Ihre Hand führt sie freilich nicht durchs Leben; Ihre Lehre aber bereitet sie auf das Leben.

Diese Vorbereitung vermag nie vor jedem Fehltritt zu wahren, aber doch vor vielen, wenn sie die rechte ist.

Keines Lehrers Leben ist ein gleichgültiges; Segen oder Fluch säet er aus, je nach der Aussaat erntet er.

Zu dieser Vorbereitung bedarf der Führer nicht nur des Wissens Schätze, sondern auch des Lebens Erfahrungen.

Doch keinem Sterblichen ist gegeben, zu erschöpfen das Meer der Erfahrungen – jeder Tag bringt neue, jeder Mensch macht andere.

Hier kann auch der Arme dem Reichen geben, was der Reiche in seiner Fülle vielleicht vergebens sucht.

In des Reichen Willen steht es, die dargebotene Gabe zu benutzen – je nachdem er glaubt an fremde Erfahrungen, thut er es. Ich fordere den Glauben an meine Erfahrungen nicht – aber ich weiß, daß Sie deren Prüfung nicht verschmähen werden. Hält auch nur eine diese Prüfung aus, bewährt sich auch nur eine rettend für Einen Lehrer, so weiß ich. Sie werden mir um dieser einen willen die übrigen unbewährt gefundenen vergeben. Dieses Vertrauen gab mir Ihr hoher reiner Sinn, der nicht das seine, sondern das des Meisters, dem auch ich in allen Treuen dienen möchte, sucht; darum wage ich, Ihnen zu Ihren Schätzen mein Scherflein anzubieten.

Herr Seminar-Direktor Rikli,

Dero gehorsamster

Peter Käser,

Schulmeister zu Gytiwyl,

im Kanton Bern.

Keine Vorrede ist dies; auf neue Mode steht dieselbe hinten im Buche. Nur wer das Buch durchlesen hat, wird sie finden und begreifen. Aber weil dieses Buch von einem Schulmeister handelt, so werden viele es nicht anrühren mögen. Es ist eine alte Mode, daß man die Nase rümpft, wenn man einen Schulmeister von weitem sieht, daß zu gähnen anfängt, wer nur von einem Schulmeister hört. Und doch ist ein Schulmeister accurat ein Mensch wie ein anderer. Vielleicht trägt er einen kuriosen Rock, halb herrschelig, halb bäurisch, vielleicht schlengget er ihn auch auf appartige Weise; aber unter dem Rock im Herzen sitzt genau der gleiche Mensch wie unter des Ammanns, wie unter des Schultheißen Rock. In diesem Buche steht nun freilich beschrieben, wie der Schulmeister seinen Rock apparti schlengge; aber noch besser ist der Mensch beschrieben, der auch Euch im eigenen Herzen sitzt. Schauet Euch diesen Menschen recht an; vielleicht macht Euch dessen Anblick milder gegen andere, namentlich gegen Schulmeister, strenger aber gegen Euch selbst; dann hat dieses Buch auch für Euch, Ihr Laien, reichlich Frucht getragen.

Erstes Kapitel. Von großer Betrübnuß und Elend

Peter Käser heiße ich, ein Schulmeister bin ich, und im Bette lag ich trübselig, nämlich den 31. Juli 1836.

Desselben Tages, als wir gefrühstückt hatten, trug meine Frau Kaffeekanne und Chacheli hinaus, kam aber nicht wieder herein. Da ging ich nach und wollte fragen: warum sie den Milchhafen nicht auch hole? Ich halte auf Ordnung, aber ihn selbst hinauszutragen kam mir nicht in Sinn. Aber ich fragte das nicht, denn ich fand sie übel, mit dem Kopf angelehnt an den Kachelbank, die eine Hand auf dem Herz. Mir wurde Angst, wie es einem rechten Manne ziemt, und besorglich wollte ich wissen, wo es ihr fehle? Als sie wieder atmen und reden konnte, meinte sie gar weinerlich: »Was wird mir fehlen? es wird wieder öppis angers sy.«

Und weinerlich wurde auch ich, fragte nicht weiter, sondern sagte bloß: »Es wird öppe nüt sy« .– und stolperte betroffen zur Küche hinaus vor das Haus. Dort trat mich der Polizeidiener an und brachte mir einen Brief von dem Schulkommissär, in welchem der Befehl stund, punkt zwei Uhr nachmittags bei ihm zu sein, indem er mir etwas zu eröffnen hätte. Potz tausend! dachte ich, der wird mir sagen wollen, wie hoch ich taxiert worden sei, und wie viel mehr Einkommen ich künftig erhalten werde; und wohl ward mir wieder ums Herz; ich hatte Luftsprünge thun mögen und gerne dem Polizeidiener einen Batzen gegeben für seine Mühe, wenn ich nur einen im Sack gehabt hätte.

Es war nämlich von der hohen Obrigkeit auf Antrag des wohlweisen Erziehungs-Departementes einmal 40 000 L. und wieder einmal 50 000 stipuliert worden zu gunsten der Schulmeister und ihrer Löhne. Und darauf war eine Kommission im Lande herumgefahren, um alle Schulmeister zu inquirieren, wie gelehrt ein jeder sei. Es waren gar schöne und gelehrte Herren und sie machten ihre Sache im ganzen recht manierlich. Ich war recht gut bestanden und hatte ihnen oft so geantwortet, daß sie gar nichts darauf zu sagen wußten. Ein anwesender Bauer meinte, die hätte ich recht beschlagen, und der Frau sagte ich daheim, ich hätte manchen Zweckschuß gethan.

Wir hofften nun alle Tage auf einen Bündel Geld, aber alle Tage umsonst. Wir hätten es so nötig gehabt, und ich hatte darauf hin schon der Frau Mulletung zu einem warmen Gloschli gekramet, war es aber dem Krämer noch schuldig geblieben, der das Geld gerne haben wollte. Da hingen die goldenen und silbernen Äpfel dicht vor unserem Munde; wir thaten ihn weit weit auf, aber sie fielen nicht hinein; sie legten sich sachte nieder in die Staatsbank und unser Glust war doch so groß gemacht und unsere Säcke waren doch so leer! Meine Kinder pflegten zuweilen unserer Katze ein Stück Brot vorzuhalten und es wieder wegzuziehen, wenn sie darnach schnappte; dann ward die Katze böse, knurrte und krebelte; dann schrieen auch die Kinder und wollten die Katze schlagen oder verklagen. Aber ich schalt dann die Kinder und nicht die Katze, und that ihnen gar bündig dar, wie es unbarmherzig sei, mutwillig eine Lust zu erregen, und dann ihre Befriedigung mutwillig hinzuhalten. Ich stellte ihnen vor, wie auch ihnen wäre, wenn man am Morgen das Essen vor sie hinstellte und sie erst am Abend es genießen ließe; ob das nicht ein schlechter Trost für sie wäre, wenn ich ihnen sagen würde: Schweiget doch und seid geduldig, ihr erhaltet es ja, und es kömmt nicht darauf an, ob früher oder später?

Das begriffen meine Kinder nach und nach und trieben das Spiel nicht wieder.

Leider müssen die Herren, die uns so glustig gemacht, weder Kinder noch Katze oder wenigstens nicht Mitleiden mit der Katze gehabt haben; sie würden uns sonst nicht so lange haben warten lassen und dann gar noch, wenn unser leerer Magen murrte und knurrte, über fleischliche Gelüste geklagt haben.

Man kann sich daher denken, wie ich freudenvoll ward, und blangete, wie ein Kind am Neujahrmorgen, bis ich vernahm, wie viel ich nun einseckeln konnte. Ich lief in die Küche, der Frau unser Glück anzukünden (ich konnte es aber nur in unbenannten Zahlen nennen) und ihr anzuhalten, heute das letzte Stück Fleisch, das wir im Hause hatten und das sie so lange gespart, zum Kraut zu legen; es werde ihr wohlthun, meinte ich. Dann nahm ich mein Häfeli heißes Wasser zum barten, schüttete mir aber einen Teil über die Finger, und mit den verbrannten Fingern schnitt ich mir manchen tüchtigen Hieb ins Kinn; denn ich schlotterte ordentlich vor Freude; darum that mir alles nicht weh. Mit dem halben Gesicht voll Schwammpflästerchen ging ich zum Herren, den Psalmen zu holen. Wessen das Herz voll ist, dessen läuft der Mund über; ich verkündete ihm mein ungenanntes Glück. Er schien auch Freude daran zu haben, was mich Wunder nahm; denn wir glaubten von den Pfarrern, sie mißgönnten uns größern Lohn und seien schuld daran, daß wir nicht schon lange mehr hätten. Warum wir das glaubten, weiß ich eigentlich nicht; denn auf der andern Seite hörte ich oft von den Bauern muckeln, man könne den Pfarrern nicht genug für die Schule thun und die Schullöhne nicht groß genug machen; man sehe wohl, daß sie nichts daran geben.

Unglücklicherweise gab der Pfarrer einen moll-Psalmen und ich war doch so dur gestimmt, und dazu spielte unser Organist so gar verzweifelt langsam. So geschah es, daß ich den moll-Psalm und den Organist vergaß in meiner Freude und dem Herrn ein Loblied sang nach der Stimmung meines Herzens und nach dem Takte meines munter hüpfenden Blutes, hoch und rasch. Da entstund ein wunderlicher Gesang, der viel Redens gab, wer eigentlich Recht gehabt hätte. In munterer Weise sang ich fort, und merkte in meinem Jubel nicht, daß der Organist unter und hinter mir blieb; und daß er immer zorniger über die Achsel blickte, sah ich gar nicht, daß der Teil der Gemeinde, der fröhlichen Herzens war, mir nachsang, der schwerfälligere dem Organist; daß der Pfarrer, der eben kein Held in der Musik ist, bald mit mir Schritt halten wollte, bald mit den andern, und gar nicht wußte, woran er war, das alles merkte ich nicht, bis ich mit meinem Liede zu Ende war und mit meinen Mitsängern schwieg, der Organist aber mit seinen Treuen noch fort orgelte und sang. Da sah auch ich erstaunt über die Achsel, erwacht aus meiner Herzensandacht, und gab ihm mit spöttischen Blicken meine Verwunderung kund über seine Böcke. Aber er sah mich nun auch nicht an. Was der Pfarrer predigte, kann ich euch wahrlich nicht sagen. Liebe Leute! verzeiht es einem Schulmeister, der 80 L. baren Lohn und fünf lebendige Kinder auf der Welt hat, der nun zu einer Teilung von 90 000L. sich berufen glaubt, wenn er nicht Platz in seinem Kopfe hat für eine Predigt, sie mag noch so schöu sein. O, könntet ihr sehen in so einen Kopf hinein, wie da die Gedanken wimmeln, sich drängen, verschlingen, wenn sie kaum geboren sind! Bringt ein Glas Essig unter ein neumodisch Vergrößerungsglas, und seht da die Welt voll Tierchen, seht das Gewühl, das nie ruhende Gebären und Vernichten, so könnt ihr euch eine Vorstellung davon machen. Da tauchen zuerst die Schulden auf, die zu bezahlen sind; die werden von den Bedürfnissen verschlungen, die sich darstellen in bunter Mannigfaltigkeit von den mangelnden Kinderstrümpfchen weg bis zu einer neuen Faßi an das Dackbett; aber auch die gehen schnell in einer Wolke von Wünschen unter, die dicht und schwarz herauf sich wälzt und bald den ganzen Horizont der Gedanken bedeckt. Ach, was hat ein Schulmeister mit 80 L. Lohn und fünf Kindern nicht alles zu wünschen; wie unendlich viel hat er entbehrt, von der verstümmelten Tabakspfeife weg bis zu einem Buche, worin alles steht, was er zu wissen noch nötig hätte! Ich war ganz erschrocken, als die andern um mich aufstunden; denn nun erst fiel mir wieder ein, daß ich in der Predigt sei, und mir wurde bange, ich hätte geschlafen, ein böses Beispiel gegeben. Da nahm ich mich zusammen, betete andächtig mit und hielt diesmal mit dem Organisten besser Schritt.

Noch nie schien mir meine Frau mit dem Essen so lange zu machen; aber auch nie schmeckte es mir besser als heute. Die Frau sah ihrem letzten Stück Fleisch wehmütig nach; ich aber war ganz holdselig und trieb das Narrenwerk mit den Kindern, so daß sie endlich sagte; »Peter, ich wollte den Pelz nicht verkaufen, bis ich den Bären hätte.« Ich aber lachte sie aus, wischte mit dem Ärmel den Mund ab, ließ mir das beste Halstuch im Hause umbinden und machte mich auf den Weg. Das ging wie durch die Lüfte und lange vor zwei Uhr war ich an Ort und Stelle. Zum Schulkommissär konnte ich noch nicht; der war noch in der Kinderlehre. Das ungewohnte Fleisch und der rasche Lauf hatten mich durstig gemacht; es kam mich daher das Gelüsten nach einem Schoppen an, dem ich sonst sehr selten nachgab; denn es dünkt mich unrecht für einen Mann, einen Schoppen zu trinken, während das Weib zu Hause einem Kinde, das gerne Brot möchte, sagen muß: »Wart nur, wir essen bald, dann bekommst du Erdäpfelbitzli.« Ich hatte bis an 6 Kreuzer, die ich der Frau zu Hause ließ, all unser bar Vermögen bei mir, welches sich auf 4 1/2 Btz. belief. Es war nicht viel; aber ich meinte, einen Schoppen möge es immer erleiden, wenn man 90 000L. zu teilen habe. Wie ich in die Gaststube kam, merkte ich, daß es gar lustig herging in der Nebenstube, und ehe ich noch meinen Schoppen befehlen konnte, rief es aus derselben: »Seh Käser, es gilt dr, chumm u thue eis Bscheid!«

Ein Schulmeister, und besonders einer der nur 4 1/2 Btz, im Sack hat, sagt wohl: »Blyb nume rüihig«; aber er geht doch hinzu und sieht, wer es ihm bringen will. So machte ich es auch, und sah da den Unterlehrer von selbigem Orte, wie er freudestrahlend am Tische obenan saß, und da regierte und hantierte, als ob er allein Meister wäre. Er befahl mir einen Stuhl, hieß mich sitzen, nehmen, essen und trinken, daß ich gar nicht zu Worten kommen und nicht begreifen konnte, wie ein Unterlehrer dazu komme, so Oberarm yne z‘thue.

Endlich merkte ich den Leuten am Tische an, daß da eine Kindbetti sein müsse, und es fiel mir ein, daß der Unterlehrer vor gar nicht langem geheiratet und also wahrscheinlich der Kindbettimann sein werde. Der Gauch, dachte ich, meint auch, er habe einen Prinz erzeugt, und so einen habe die Welt nie gesehen, und macht sich Pläne, wie er ihn wenigstens bis zum Schulkommissar bringen könne; der Gauch weiß nicht, daß solche Mucken die meisten Väter beim ersten Kinde stechen, daß dann beim fünften und sechsten man ein ganz anderes Gesicht macht, de– und wehmütig unten an den Tisch sich setzt, und beim achten und neunten gar unter den Tisch schlüpfen möchte. Aber ich sollte nicht lange im Irrtum bleiben über dessen Freude und den Grund, warum vom Wehbessern auf dem Tische stund.

»Nicht wahr, du willst auch zum Kommissär?« sagte mein Gastgeber. »Nun, ich wünsche dir, daß er dir so gutes verkündet wie mir; ich bin ganz ds Gäggels. Heute, als wir aus der Kirche kamen, sagte er mir, daß ich auf 300 L. jährlich geschatziget worden sei, und da ist es wohl der wert, eine z‘näh«. Das begriff ich, und es wurde mir nicht schwarz, aber rot, blau und grün vor den Augen, wenn ich dachte, was erst ich bekommen müsse, ein mehr als 40jähriger Mann, der über 20 Jahre Schule gehalten und recht gute Zeugnisse habe und das beste an einer belobten Schule, wenn so ein junger Mensch, der noch nicht trocken sei hinter den Ohren und sich nirgends bewahrt habe als im Seminar, 300 L. erhalten hätte.

Es gramselte mir in allen Gliedern, und ich konnte die Beine gar nicht mehr stille halten unter dem Tische; aber ich durfte doch nicht alsobald fort. Eins gab das andere, und die Kinderlehre war längstens aus, als ich endlich aufbrach, recht ordentlich angestochen von gutem Wein und guter Hoffnung. Ich mußte noch versprechen, wieder vorbei zu kommen und zu berichten meine Schätzung. Ich machte recht lange Beine hin zu meinem Herrn, um bald seine Botschaft zu vernehmen und wieder berichten zu können.

Der Schulkommissär spazierte vor dem Hause auf und nieder und rauchte sein Pfeifchen. Er grüßte mich freundlich und sagte: »Es wird euch nicht pressiert haben; ihr werdet gedacht haben, ihr vernehmet die Sache immer früh genug«. Ein kurioser Eingang ist das, dachte ich bei mir selbst. »Ja«, fuhr er fort, »es thut mir leid für euch und noch ein paar andere, daß es so gegangen ist; ich begreife gar nicht was sie auch denken in Bern oben; aber so geht es, wenn man allein witzig sein will«. Der gute Herr sei ein wenig gstürmte, fing ich an zu glauben; denn wenn die z‘Bern oben dem Unterlehrer für den Anfang 300 L. geben und mir nach Verhältnis, so sei das mir einmal witzig genug, und es wäre unverschämt noch mehr zu erwarten, meinte ich. »He, Wohlehrwürdiger Herr Schulkommissär«, antwortete ich daher, »was sie gemacht haben, wird wohl gut sein; unser einer ist bald zufrieden, wenn man nur einmal sieht aus der Not und dem Elend herauszukommen«. »Das ist‘s aber eben«, erwiederte der Herr, »was noch nicht bald geschehen wird, wenn es dem nach geht, was ich in Händen habe. So ist‘s mir eben leid, euch sagen zu müssen, daß sie euch gar nichts mehr gesprochen und unter die Klasse versetzt haben, welcher man noch nicht 150 L. zusprechen könne, sondern sie bei ihrem einstweiligen Einkommen lassen müsse; doch könnt ihr bei besserer Fortbildung neue Ansprüche machen und von Glück noch reden; denn wäret ihr, als ihr das Examen gemacht, einen halben Monat älter gewesen, so würdet ihr vielleicht für bildungsunfähig erklärt worden sein.«

Da stund ich mit offenem Munde, konnte lange ihn nicht zubringen, nicht bewegen; endlich stotterte ich heute zum zweiten Mal: »Es wird öppe nit sy«. Aber der Schulkommissär sagte: leider sei es so; er könne es mir schwarz auf weiß zeigen, wenn ich wolle. Ich wäre gerne noch da geblieben, hätte gerne mich ausgejammert und gefragt, ob denn da gar nichts zu ändern wäre; allein dem guten Mann machte die ganze Sache sichtlich Mühe, und so hatte er es wie jener Guggisberger, der bei einer unbeliebigen Frage an einem unbeliebigen Orte erwiederte: »Na, liebe Herren, das ist eine wüste Sache; wir wollen lieber nicht davon reden«. Mit schwerem, vollem Herzen drückte ich mich ab, machte es aber wie die Weisen aus dem Morgenlande und hielt mein Versprechen, wieder zu kommen, nicht. Wer will es mir verargen, wenn ich meine Schmach nicht vor einem Unterlehrer und einer lustigen Kindbettigesellschaft zur Schau tragen mochte? Ein teilnehmend Herz, um das meinige abzuladen, hätte ich so gerne gehabt; aber ein solches fand sich nicht. So drückte es schwer mich nieder; es war mir, als ob ich knietief in der Erde gehe und Blei in allen meinen Gliedern liege. Vor jedem Menschen, der mir begegnete, erschrak ich, fürchtend, er möchte es mir ansehen, daß ich ein Schulmeister sei, den man nicht 150 L. wert geachtet. Um einem Trupp Kuglenwerfer zu entgehen, flüchtete ich mich in das Dickicht eines Tannenwaldes; dort war es düster, wie in meinem Gemüte. Meine große Bedrängnis stieg wie ein Gespenst vor mir auf, endlos sich ausdehnend, immer schreckbarer werdend; in feuchtes Moos barg ich mein Antlitz und weinte bitterlich, und die Thränen wollten kein Ende nehmen, weil vor den Augen es immer gleich finster blieb. Mensch! willst du, daß die Thränen dir versiegen und es heiter werde in deinem Gemüte, so mußt du deine Augen nicht an den Schoß der Erde drücken, daß es dunkel bleibt vor denselben; du mußt sie aufwärts kehren, dahin, wo die Sonne glüht, die Sterne flimmern, die hellen Zeugen des ewigen Lichtes, mit welchem Gott Herz und Seele erleuchten und jegliche Trübsal in ewigen Frieden und gläubige Hoffnung verklären will. Diese sichtbaren Zeugen am Himmel wirken, du weißt nicht wie, auf dein Gemüte, trösten, erheitern es, lassen es nicht untergehen in die Hölle der Hoffnungslosigkeit. Sicher hat Gottes Gnade sie auch deswegen am Himmel aufgerichtet, und nicht bloß deswegen, daß sie heiter machen Stege und Wege zu irdischem Treiben. Darum, o Mensch, verschmähe sie nicht. Wenn es dunkel wird in dir, sieh zu ihnen auf, laß durch dein Auge hinein sie scheinen auf des Herzens Grund, so wirst du die Wege Gottes erkennen, die er dich führen will zu deinem ewigen Heile, und wirst mit neuem Mute sie wandeln, wie rauh und dornenvoll sie auch sein mögen.

So that ich leider nicht in meiner Betrübnis. Da ging die Sonne unter, die Sterne versteckten hinter Wolken sich, finster ward es um mich, finster blieb es in mir; schwer und mühselig war mein Heimgang. An einem hell erleuchteten Hause führte er vorbei, wo die Fenster offen stunden, eine Menge Menschen die Stube füllten, um die Fenster viele standen und eine heisere, angestrengte Stimme vernehmbar ward. Wunder nahm es mich, was es da gebe, und überzeugt war ich, nicht erkannt zu werden; darum stellte ich mich auf der Straße und horchte. Ich vernahm nur einzelne Worte, deren Zusammenhang ich nicht finden konnte; daß es eine Versammlung sei, merkte ich wohl, aber ob eine geistliche oder weltliche, ward mir aus dem Benehmen der Menschen nicht klar. Da entspann sich folgendes Gespräch leise in meiner Nähe und gab mir Aufschluß: »Ja Trini«, sagte eine weibliche Stimme, »du glaubst nicht, wie es uns gut geht, seit mein Mann geistlich geworden ist und Versammlungen hält; das ist ein viel besser Handwerk als das Schustern. Jetzt haben wir, wie wir es nur wollen, und besser zu essen als viele Bauern, und wenn er mich auch noch immer schlägt und wüst gegen mich ist, so läßt sich das doch gar viel besser ertragen, wenn man den Magen voll Küchli und Hammenschnitten hat, als nur halb voll von Wassersuppe und geschwellten Erdäpfeln. Ein andermal hätte ich darüber gelacht; nun aber betrübte es mich noch mehr, daß alle Leute und namentlich solche es besser und mehr Glück in der Welt hätten als wir.«

Je näher ich der Heimat kam, desto mehr ängstigte mich der Gedanke, was meine Frau zu diesem sagen werde, ob ich ihr alles bekennen oder verbergen solle. Ich konnte lange nicht mit mir einig werden; sie dauerte mich ganz besonders, besonders wenn sie in dem Zustand sein sollte, von dem sie mir diesen Morgen gesagt. Ich konnte aber doch die Hoffnung nicht fahren lassen, daß sie sich getäuscht; ich konnte nicht begreifen, wie es möglich wäre, daß ein armer Schulmeister an einem Tage so bitter sollte getäuscht werden in dem Guten, das ihm so lange vorgespiegelt worden, und aber nicht in dem, was eine neue Bürde ihm aufzulegen drohte. Ach, scheltet mich nicht lieblos, ihr, die ihr dieses leset. Wohl weiß ich auch, daß David die Kinder einen Segen Gottes nennt; aber er war ein König und nicht ein Schulmeister mit 80 L. Lohn. Wohl weiß ich, daß auch bei dem armen Schulmeister der Kindersegen ein wahrer Gottessegen werden kann, wenn er auszuharren und getreu zu bleiben weiß bis an das Ende. Aber eben dieses Ausharren und Getreubleiben bis ans Ende in allen Bedrängnissen, in jeglicher Not, ist gar zu schwer; und wenn schon die gegenwärtige Not so schwer ist, daß man beinahe einsinkt, wer will den Stein auf einen werfen, wenn das arme Herz verzagen will bei der Aussicht auf die noch schwerer werdende Bürde? Wer will richten, wenn dieses Vermehren der Bürde als ein Leidenskelch angesehen wird von der schwachen Menschennatur, und aus dem zagenden Herzen der Wunsch empor sich ringt! Vater, laß ihn vorübergehen; wenn man dann nur nach langem Kampf und nach vielem Beten hinzuzusetzen vermag: Doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe? Doch das darf ich sagen, daß, sowie ein Kind zur Welt geboren war, ich mit der herzlichsten Liebe an ihm hing und gerne alles ertrug um seinetwillen, und willig alles geopfert hatte, um es zu erhalten.

Ich war noch nicht mit mir einig geworden, als ich zum Hause kam, was ich meinem Weibchen zu sagen hatte; da guggete ich zum Fenster hinein und sah die Kinder um den Tisch gereiht ein Schullied singen, das Mutterli aber im Ofenecken sitzen; den Kopf hatte es aufgelegt, so daß ich nicht sehen konnte, weinte oder schlief es. Dieser Anblick gab mir den Mut nicht, mit der Wahrheit herauszurücken; ich beschloß, sie zu verbergen, mich lustig zu stellen, zweideutigen Bescheid zu geben, faßte das Herz in beide Hände und trat mit einem herzhaften: »Guete-n-Abe geb ech Gott!« in die Stube. Die Kinder fuhren fröhlich auf und riefen freundlich: »Guete-n-Abe, Ätti!« Das Mutterli kam auch, wischte sich aber geschwind die Augen ab und sagte: »Bisch späte, sitz zueche, i ha dr dänne deckt, wirsch sroh sy über öppis Warms?« Sie trug auf, frug mich nichts; aber scharf sah sie mich an, wie ich mich abmühte mit den Kindern zu spaßen. Und übers Herz konnte ich es nicht bringen, so oft ich auch ansetzte, zu sagen: »Muetterli, ,es ist guet gange.« Als endlich die Kinder zu Bette waren, setzte sie sich zu mir und sagte weinerlich: »Gell, es het dr gfehlt und ‚s Fleisch hei mr vergebe g‘esse!« – Ich wollte nicht bekennen; aber sie ließ sich nicht täuschen, behauptete, sie kenne mich zu gut, als daß ich mich vor ihr verstellen könne; sie sehe es mir auf den ersten Blick an, ob mir wohl oder übel zu Mute sei. Ich mußte mit der Sprache heraus und dem guten Weibchen meinen Jammer mitteilen. Es weinte und ich weinte; eins wollte das andere trösten; aber unsere Trostgründe waren so wenig heblich, und jedes traute den seinigen selbst so wenig, daß sie unsere Thränen nicht stillten. Wir wollten Vorsätze fassen, früher aufstehen, später uns niederlegen; aber als wir rechneten, fanden wir, daß das uns nicht weit bringe, besonders da ich jetzt so viel mehr Schule halten mußte als früher und fast um den alten Lohn. Wir gedachten daran, unsere Kinder bei guten Leuten unterzubringen; aber der Gedanke that uns so weh, daß keins ihn mehr berühren mochte. Wir sahen keinen Ausweg, fanden keinen Trost. Da sagte endlich meine Frau: »Es ist Nacht, wir sind beide müde und matt; da kann der mutlose Mensch sich nicht aufrichten. Wenn der Morgen frisch am Himmel steht und der erwachte Mensch gesund die Sonne wieder steht, faßt er sich eher wieder und findet irgend einen Ausweg. Wir wollen schlafen gehen; der gütige Gott hat den Schlaf gegeben den Betrübten, damit sie ihre Last vergessen und mit jedem neuen Tage stärker werden, sie zu tragen.«

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